Montag, 18. Juli 2011

Die Polizei, dein Freund und Helfer?

Dieses Schild vor dem Supreme Court würde sich auch vor dem Hauptquartier der Polizei gut machen.
Die ghanaische Polizei hat nicht gerade den besten Ruf, sie gilt als willkürlich und korrupt. So schlecht ist der Ruf, dass manche Geberorganisationen schon Programme zur Stärkung der Bürgerfreundlichkeit der Polizei planen. Am schlechtesten dürfte der Ruf der Polizei jedoch bei einer Gruppe sein, die von Berufs wegen häufiger mit ihr zu tun hat: Das sind die Taxifahrer. Denn gerade Verkehrspolizisten sind – zumindest in Accra - sehr zahlreich. Begegnungen sind daher unausweichlich.

Zunächst zum Thema Willkür: Vor ein paar Tagen hatten wir das Vergnügen einer unvergesslichen Taxifahrt, mit einem Taxifahrer der ganz besonders schlecht auf die Freunde und Helfer zu sprechen sein muss: Wir winken einem Taxi, es hält am Straßenrand kurz vor der Auffahrt auf eine der Hauptverkehrsadern Accras. Es ist Rush Hour, der Verkehr stockt an dieser Stelle eh schon ein wenig. Es sollte also kein Problem sein an dieser Stelle einzusteigen. Hinter dem Taxi steht jedoch ein Polizeiauto.

Als der Taxifahrer sich anschickt uns einsteigen zu lassen und dies einen Augenblick zu lange dauert, wird umgehend wütend gehupt. Wir hüpfen schnell in das Taxi, der Verkehr setz sich langsam wieder in Bewegung, das Polizeiauto zieht neben uns. Zwischen dem Taxifahrer und den Polizisten entspinnt sich während der Fahrt und durch die geöffneten Fenster ein hitziger Wortwechsel auf Twi, den wir nicht verstehen. Es klingt, als würde der Taxifahrer versuchen die Polizisten zu beschwichtigen.

Offenbar sind die Uniformierten wenig beeindruckt: Die Polizisten überholen und versuchen unserem Taxifahrer den Weg abzuschneiden um ihn zum anhalten zu bewegen. Er wird langsamer, rollt in Richtung Straßenrand. Die Diskussion dauert an, der Erfolg seiner Beschwichtigungsversuche hält sich aber weiter in Grenzen, denn die Polizisten steigen aus, die Kalaschnikow in der Hand.

In dem Moment gibt der Fahrer Gas. Mit leichter Schräglage geht es um die nächste Biegung. Die Polizisten können uns jedoch eh nicht so leicht folgen, sie waren an der Abzweigung, über die wir verschwinden, ein kleines Stückchen vorbeigefahren, bevor sie angehalten hatten. „I’m running away from the scene“ ruft er uns über die Schulter zu und drückt das Pedal bis zum Blech durch. Unter waghalsigen Überholmanövern und in wildem Zickzack-Kurs geht es durch die Straßen, auch wenn weiterhin weit und breit kein Polizist zu sehen ist.

Unterm fahren erklärt uns unser Fluchtwagenfahrer, dass er jetzt leider einen kleinen Umweg fahren muss, weil die Polizisten bestimmt an der nächsten Kreuzung auf ihn warten. Ich frage ihn, was denn nun eigentlich das Problem war, ob er an dieser Stelle nicht hätte anhalten dürfen. Nein, nein, meint er, er habe den Polizisten nur nicht schnell genug auf das Gehupe reagiert. Wenn er jedoch angehalten hätte, wäre einer der Polizisten eingestiegen. Während sie für uns ein anderes Taxi geholt hätten, wäre er gezwungen worden auf die Wache zu fahren und da wäre er so schnell nicht wieder raus gekommen. Und vor allem wohl nicht ohne ein angemessenes Schmiergeld, womit wir bei der Korruption wären.

Laut dem Geschäftsführer von „Ghana Integrity Initiative“, der örtlichen Filiale der Anti-Korruptionsorganisation „Transparency International“, ist Korruption ein weit verbreitetes Übel unter ghanaischen Staatsdienern. Und unter diesen ist die Polizei besonders berüchtigt. Wird man festgenommen – etwa auf Grund einer kleinen Kneipenschlägerei wie der Freund einer Bekannten – können am nächsten Morgen schnell einmal 40 Cedi als „Dankeschön“ fällig werden, um wieder auf freien Fuß zu kommen. Auch läuft kaum eine Straßensperre ohne Schmiergeldzahlungen über die Bühne. Und bei der ghanaische Polizei sind Straßensperren sehr beliebt, besonders nachts.

Das Auto kann dann noch so gut in Schuss sein (was in Ghana selten der Fall sein dürfte), alle Papiere können in Ordnung sein (geschätzte 80% der ghanaischen Autofahrer dürften aber wohl noch nie in einem Fahrschulauto gesessen haben), dennoch kann es passieren dass man zahlen muss um weiterfahren zu dürfen. Für den Mann von Transparency grenzt das an Erpressung, Taxifahrer bezeichnen das Verhalten der Polizei im Allgemeinen schlicht und einfach als Diebstahl: „They are thiefs!“

Die Bestechlichkeit vieler Polizisten hatte früher wohl tatsächlich auch mit der sehr schlechte Bezahlung und den Lebensbedingungen der Beamten zu tun: Sie wohnten in Baracken auf engstem Raum, ein Polizist hatte für sich und seine ganze Familie oftmals nicht mehr als ein Zimmer zur Verfügung. Viele Menschen sahen es ihnen deswegen wohl auch nach, dass sie sich noch etwas dazuverdienten, wenn sich die Gelegenheit bot.

Inzwischen hat sich die Bezahlung der Polizisten jedoch verbessert. Diese Ausrede zieht also nicht mehr so recht. Doch mittlerweile ist die Korruption so tief verwurzelt, dass es keinen einfachen Ausweg mehr gibt. Sie ist Teil des Alltags. Die gezahlten Summen sind gerade im Straßenverkehr meist nicht groß, oft handelt es sich nur um ein, zwei Cedi. Die schmerzen bei einer Fahrt, für die ein Taxifahrer drei, vier oder fünf Cedi bekommt zwar, sind jedoch wohl nicht existenz-gefährdend, so dass der große Aufstand ausbleibt. Denn irgendwie ist es ja auch von Vorteil ein gutes Verhältnis zu den Jungs von der Straßensperre zu haben. Also wird weitergezahlt und nur ein wenig geschimpft.

Unser Taxifahrer brachte uns übrigens schließlich auf verschlungenen Pfaden nach Hause ohne dass unsere vermeintlichen Verfolger auch nur einmal im Rückspiegel aufgetaucht wären. Die Fahrt dauerte zwar etwa dreimal so lange wie unter normalen Bedingungen. Bezieht man jedoch den Erlebniswert mit ein, so war das Preis-Leistungs-Verhältnis dennoch unschlagbar.


P.S: Natürlich sind nicht alle ghanaischen Polizisten korrupt. Auch passiert wohl die Mehrheit der Autofahrer Straßensperren ohne Probleme. Gerade aber professionelle Autofahrer, also Taxifahrer oder Trotro-Fahrer, dürften jedoch häufiger zur Kasse gebeten werden, schließlich sind sie viel unterwegs und davon abhängig zügig weiterfahren zu können. Ich wurde als Fahrgast sowohl im Trotro als auch im Taxi schon mehrmals Zeuge, wie bei solchen Gelegenheiten ein, zwei Cedi mehr oder weniger auffällig den Besitzer wechselten.

Freitag, 3. Juni 2011

Von Mondlandschaften und Meteoritenkratern

 
Eigentlich sind Accra und Kumasi nicht so weit voneinander entfernt. Nicht einmal 250 km sind es zwischen der Hauptstadt und der zweitgrößten Stadt Ghanas. Eigentlich. Wäre da nicht dieses eine Stück, etwa 30km nach Accra. Es ist nicht einmal lang, dieses Stück. Aber es sorgt dafür, dass aus 250 km gefühlte 500 werden. Ein kleines Stück fehlende Straße für die Ghana Highway Authority, ein großes Stück Mondlandschaft für uns. Die asphaltierte Straße endet und es beginnen knapp 30km Schotterpiste, so breit wie eine Autobahn aber zerfurcht und von Schlaglöchern übersäht. Ein Zustand, der schon seit Jahren währt. Es wird zwar gebaut, aber offenbar geht seit Ewigkeiten kaum etwas voran. Die meisten Ghanaer scheinen schon weitestgehend resigniert zu haben, dass sich in absehbarer Zeit etwas daran ändern könnte. 

Es holpert und rumpelt und schaukelt und strapaziert besonders die Nackenmuskeln, die irgendwie bemüht sind ein Schleudertrauma zu verhindern. Auch, wenn man es wie wir auf der Hinfahrt noch gut erwischt und äußerst komfortabel im V.I.P-Bus in Business Class-Sesseln reist, extra breit und mit verstellbarer Fußstütze. Eine Kopfstütze wäre vermutlich sinnvoller. Mitunter ist es ein Wunder, dass der große Reisebus nicht aufsitzt, sich festfährt oder in den Graben rutscht, wie es offenbar einem LKW-Fahrer auf halber Strecke passiert ist, dessen Fahrzeug bis zum Führerhaus im Dreck steckt. An einer anderen Stelle hat ein LKW seinen Anhänger verloren. Das war dann offenbar ein Schlagloch zuviel.

Ein Schlagloch ist im Übrigen auch das Ziel dieser Reise, genauer ein Einschlagloch etwa 30 km südöstlich von Kumasi: Der Lake Bosumtwe liegt in einem Meteoritenkrater, entstanden vor etwa einer Million Jahren und heute der größte natürliche See Ghanas. Abono ist der Hauptort am See und liegt am Ende einer asphaltierten Straße. Er ist recht hübsch, mit offenbar neuen Abwasserkanälen an den Straßenrändern und viele Häuser entlang der Hauptstraße sind in den knallbunten Farben von Mobilfunkfirmen oder Waschmittelherstellern gestrichen. Hierher kommen am Wochenende viele Einwohner von Kumasi, vornehmlich um Party zu machen. Das ist das eine Gesicht des Lake Bosumtwe.

Um das andere zu sehen, biegt man am Ortseingang am besten nach rechts auf einen Schotterpfad ab. Zunächst kommt man noch an ein, zwei Luxus-Resorts vorbei, doch bereits das Dorf danach sieht ganz anders aus: Die Häuser sind unverputzt, geschweige denn gestrichen. Abwasserkanäle gibt es hier keine mehr. Immerhin gibt es hier noch einen kleinen Laden. Ein Dorf weiter gibt es den dann auch nicht mehr. Das Dorf heißt Abaase und hier will der Verein Rainbow over Ghana, in dem Steffi und ich seit geraumer Zeit aktive Mitglieder sind, eine Grundschule bauen.

Deshalb ist diese Fahrt zum Teil auch ein Arbeitsbesuch. Wir sind hier um den künftigen Ort unseres Projektes zu besichtigen und uns ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Unsere Unterkunft ist das „Rainbow Garden Village“, eine komfortable und hübsche Lodge direkt am Seeufer. Die Farbe auf dem großen „Akwaaba“-Schild über dem Eingang beginnt zwar schon etwas abzublättern und auch ansonsten wirkt das Rainbow Garden Village ein wenig wie im Dornröschenschlaf.

Nichtsdestotrotz werden wir äußerst liebenswürdig empfangen: Die Loge wird von Kwame und seiner Frau betrieben, die sehr gastfreundlich und in der Küche durchaus talentiert sind. Gleichzeitig sind sie momentan auch soetwas wie die Repräsentanten des Vereins vor Ort, auch wenn sie nicht offiziell dazu gehören, da das Rainbow Garden Village auch die Keimzelle des Vereins war: Der Besitzer ist gleichzeitig auch der Initiator und Vorsitzende des Vereins. 

Die beiden führen uns am nächsten Morgen in das Dorf Abaase. Es gibt dort zwar bereits eine staatliche Schule, die jedoch nur mehr schlecht als recht in Betrieb ist. An diesem Freitagmorgen sind lediglich drei Lehrer anwesend. Wo die anderen sind, oder wann sie zurückkehren? Offiziell sind sie krank oder müssen sich um irgendwelche anderen wichtigen Dinge kümmern, tatsächlich ist der Posten hier in der Provinz einfach wahnsinnig unattraktiv. Auch der Rektor hat sich bereits aus dem Staub gemacht. 

Die meisten Schüler scheinen daher nicht so recht beschäftigt zu sein. Unterricht findet jedenfalls nicht statt. Dafür sind einige Schüler damit beschäftigt mit Schaufel und Spitzhacke ein Stück des Hanges, an dem de Schule liegt, ein zu ebnen. Sie sagen, dass es ein kleiner Bolzplatz werden soll, doch es könnte auch einfach eine Strafaufgabe für Zuspätkommer sein. Was immerhin besser als Schläge mit dem Rohrstock wäre, was ebenfalls noch Usus ist.

Etwas oberhalb der Schule befindet sich eine Bauruine. Hier hatte das Dorf begonnen einige neue Klassenräume zu errichten, in dem Versuch die Regierung dazu zu bewegen sich mehr für die Schule zu engagieren. Der Versuch misslang, dem Dorf ging das Geld aus und so verwittern die nicht einmal hüfthohen Mauern aus bröseligen Steinblöcken wieder.

Bröselig wirken auch die Mauern der Häuser, die aus Lehm gebaut sind. Wir dürfen auch einen Blick in eines werfen: Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Innenhof von etwa vier mal vier Metern. An einer Wand befindet sich der offene Herd, von den übrigen drei gehen jeweils die Räume ab. In der Mitte des Hofs sitzt eine Oma und badet ihre beiden Zwillings-Enkel. Die beiden Mädchen sind vermutlich noch kein Jahr alt. Fotos dürfen wir leider keine machen, da die anwesenden Frauen sich nicht angemessen gekleidet fühlen.

Am Nachmittag treffen wir den „Chief“, das Oberhaupt des Dorfes. Wir sitzen auf einem kleinen halbrunden Hof hinter seinem Haus, das etwas größer und stabiler aussieht, sich im übrigen aber kaum von den umliegenden Häusern unterscheidet. Außer einem Anwesenden, der auch im Bezirksrat arbeitet, scheint niemand Englisch zu sprechen, auch der Chief nicht. Kwame ist daher unser Dolmetscher. Es entwickelt sich ein sehr offenes Gespräch.

Wir erfahren, dass die Dorfbewohner hauptsächlich vom Anbau von Kakao und Kochbananen leben. Der Fischfang im See wirft im Gegensatz zu früher aber kaum mehr etwas ab. Auch bei den wenigen Bewohnern, die eine Fernsehantenne auf ihrem Dach haben, besteht dieses dennoch nur aus rostigem Wellblech. Es handelt sich sicherlich nicht um eine sonderlich wohlhabende Gemeinde. Dass die Bewohner zu der Schule etwas zuzahlen können, erscheint daher eher unwahrscheinlich. Der Chief versichert uns jedoch, dass das Dorf mit seiner Arbeitskraft bereitsteht, sobald wir mit dem Bau beginnen wollen.

Er selbst fragt uns zum Ende des Gespräches, ob wir es wirklich ernst mit dem Bau der Schule meinen, oder ob wir nur hier sind um eine gute Figur abzugeben. Wir sind von dieser Frage positiv überrascht, denn sie zeigt, dass das Dorf wirklich Wert darauf legt, dass die Schule auch gebaut wird. Auch der Versuch des Dorfes selbst für eine Erweiterung der bestehenden Schule zu sorgen, ist positiv, auch wenn er letztlich nicht erfolgreich war: Er zeigt, dass die Einwohner nicht nur abwarten, sondern gewillt sind sich selbst zu helfen. Alles was sie somit bräuchten, ist ein wenig Hilfe zur Selbsthilfe. Leider ist dieses Konzept inzwischen allzu oft zur Phrase verkommen. Aber vielleicht können wir es ja ein bisschen besser machen?
 

Mittwoch, 25. Mai 2011

Freizeitgestaltung


Typische Tage sehen unter der Woche hier so aus: Zwischen 6 und halb 7 wird aufgestanden, anschließen geht es mit – oder auch ohne Frühstück – mit Trotro oder Taxi in die Arbeit. Zwischen 5 und 6 mit den gleichen Verkehrsmitteln zurück, Abendessen, vielleicht noch ein wenig auf der Veranda sitzen, bevor es meistens bald darauf recht zeitig wieder ins Bett geht. Das hat den Vorteil, dass es Wochentags nicht viel Freizeit gibt, die gestaltet werden müsste. Der Nachteil ist jedoch, dass man sich, erstens auf Dauer körperlich und geistig etwas unterfordert fühlt und es, zweitens auf Dauer doch arg öde wird.

Die logische Konsequenz: Am Wochenende muss etwas gegen die körperliche und geistige Unterforderung getan werden. In einer Stadt wie Accra, mit irgendwas zwischen 2 und 3 Million Einwohner ja nicht gerade klein, sollte da doch etwas gehen. Könnte man meinen. Ist auch so, wenn man weiß wie und wo.

Beginnen wir mit dem Thema Sport: Parks gibt es praktisch keine, die Straßen sind mit stinkendem und rußendem und überhaupt eh lebensgefährlichem Verkehr überfüllt. Joggen fällt also aus. Es gibt zwar tatsächlich ab und zu einen hartgesottenen Ghanaer, der ungerührt die Ring Road entlang jogged, es handelt sich dabei jedoch eindeutig um eine sehr exotische Spezies. Zum Nachahmen lädt das jedenfalls nicht ein.

Was also dann? Der Reiseführer listet einige Fitnessclubs auf, die jedoch alle entweder nur für Mitglieder oder teuer oder zu weit ab vom Schuss oder alles zusammen sind. Unter all den noblen Adressen findet sich jedoch auch der „Akumah Nelson Sports Complex“, der der Stadt gehört. Es soll dort eine ganze Reihe von Sportgelegenheiten geben, von Boxen über Fußball zu Tennis und Schwimmen. Zwar heißt es, die Anlagen seien momentan nicht im besten Zustand, aber hey: Der Reiseführer ist ja auch nicht mehr taufrisch.

Also: Ansehen und Ausprobieren! Als wir dort ankommen, sind die Anlagen tatsächlich nicht in ganz so einem schlechten Zustand wie man das nach der Beschreibung erwarten konnte. Sporteln gestaltet sich aber dennoch etwas schwierig hier. Die einzige pärchentaugliche Sportanlage wäre der Tennisplatz. Der sieht zwar sogar richtig gut aus, nur hilft das leider nicht viel, wenn man keine Schläger hat. Einen Sportgeräteverleih gibt es nämlich ebenso wenig wie das angekündigte Schwimmbad.

Was nun? Schwimmen wäre ja auch ganz nett. Aber wie, wenn es keine öffentlichen Bäder gibt und das Meer auf Grund von Wellen und Müll auch keine Alternative ist? Zum Glück sind wir Obrunis und auch als Studenten nicht ganz arm und können es uns daher zumindest einmal leisten uns in einem der zahlreichen noblen Hotels der Stadt am Pool einzuquartieren. Umgerechnet etwa 7 Euro kostet das beispielsweise im „Golden Tulip“, einem Vier-Sterne-Quartier mit ganz anständigem Plantschbecken.

Ständig können aber auch wir uns das nicht leisten und so stellt sich umso mehr die Frage, wie sich die Einheimischen fit halten. Das betrifft dabei die Frauen noch mehr als die Männer, denn zumindest die Jungs sieht man regelmäßig beim kicken, wo auch immer sich gerade ein freier Fleck dafür finden lässt. Frauen beim Sport haben wir jedoch nicht entdecken können.

Das Bewegungsmangel-Problem war also mit etwas finanziellem Einsatz zunächst gelindert. Blieb das Problem der mangelnden geistigen Betätigung. Abhilfe würde hier beispielsweise ein Buch schaffen. Oder allgemein etwas Kultur.

Zunächst zu „Mission: Buch“: Es ist nicht leicht in Accra etwas zu lesen zu finden, wenn man von lokalen Tageszeitungen, die an jeder Straßenecke angeboten werden, einmal absieht. Deren Qualität – sowohl die journalistische als auch ganz simpel die des Drucks – lässt jedoch oft so sehr zu wünschen übrig, dass es selten eine Freude ist, sie zu lesen.

Gut, in den Tankstellen finden sich mitunter ein paar Zeitschriften und internationale Zeitungen, ebenso im „Koala“, einem der wenigen Supermärkte. Das Angebot ist allerdings nicht gerade sonderlich gut sortiert ist (Berliner Zeitung vom Februar, Times vom Oktober 2010) oder wird zu Mondpreisen verkauft wird.

Die Suche nach einem Buchladen - insbesondere einem anständig sortiertem - gestaltet sich aber noch schwieriger. Im Einkaufszentrum Accra Mall gibt es einen Buchladen, die meisten Bücher dort sind jedoch entweder auf den ersten Blick am Einband als Schnulzenromane zu erkennen oder es handelt sich um Sachliteratur. Nicht unbedingt das, was sich zum Abschalten eignet.

Ich bin ja nicht mal so anspruchvoll, ich würde mich ja sogar mit einem Dan-Brown-Wälzer zufrieden geben. Im Moment setzte ich ganz auf eine Holzbude am Straßenrand in der Nähe. Leider hatte die am letzten Wochenende natürlich zu und unter der Woche schaffe ich es zeitlich kaum da vorbeizuschauen. Allerdings sind mir auch Gerüchte über einen Buchladen irgendwo in Osu, also ganz in der Nähe meiner Arbeit, zu Ohren gekommen. Es scheint also noch nicht alles verloren zu sein!

Und wie sieht es mit ein wenig geistig-kulturelle Ablenkung aus? Accra besitzt zwar ein hochmodernes (wenn auch nicht unbedingt schönes) Nationaltheater. Da es aber über kein eigenes Ensemble verfügt, wird es nur sporadisch bespielt wird.

Etwas Hoffnung machte immerhin die Ankündigung der „Cultural Days in May“ im Daily Graphic, eine der besseren Zeitungen. Es handelt sich dabei um einer Art Kulturfestival mit verschiedensten Veranstaltungen an verschiedenen Orten. Den Auftakt bildeten Konzerte zweier preisgekrönter ghanaischer Bands in der „Alliance Francaise“, so etwas wie das französische Pendant zum Goethe-Institut. Die Konzerte waren dann auch recht schön.


Leider hatten aber sowohl die Veranstalter als auch die Journalisten vergessen eine Zeit anzugeben und auch im Internet waren kaum Infos zu bekommen. Überraschenderweise war dann doch einiges los, allerdings bestand das Publikum zur Hälfte aus Obrunis und beim Rest handelte es sich wohl größtenteils um die jeweiligen Fanclubs der beiden Bands. Ein breiteres, einheimisches Publikum war nicht anwesend.

Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Mit regulär sechs Cedi (Studenten: zwei Cedi) zu teuer? Schlechte Öffentlichkeitsarbeit? Oder ist der durchschnittliche Ghanaer einfach nicht sonderlich kulturbegeistert?


P.S: Den sagenumwobenen Buchladen in Osu gibt es tatsächlich und er ist zumindest besser sortiert als der in der Accra Mall, auch wenn er noch lange nicht an europäische Standards herankommt. Immerhin habe ich jetzt ein Buch, sogar von einem Ghanaer geschrieben. Außerdem hat sich an der Sportfront neues ergeben: Das Aviation Social Centre am Flughafen scheint eine ganz gute Option zu sein und wurde von Steffi schon erfolgreich getestet. Außerdem gibt es eine Internetseite für „Expatriates“ (in Ghana lebende Ausländer), die erste Hilfe in sportlichen Notfällen leistet. Wer suchet, der findet!

P.P.S: Bei besserer Internetvebindung folgt noch ein Video! 

Donnerstag, 12. Mai 2011

Von Busreisen, Traumstränden und Zivilisationsfolgeschäden

Eigentlich müsste der Blog jetzt „Akwaaba Abrofo“ heißen (Laut einem der Fahrer in der Friedrich-Ebert-Stiftung ist das der Plural von „Obruni“; Ich habe aber auch schon die Version "Aburoni" gesehen und werde diesem Sprachenrätsel daher weiter nachgehen), denn seit einer Woche habe ich eine Co-Autorin: Steffi ist da! Deshalb nicht wundern, wenn in Zukunft öfter mal von „wir“ die Rede sein wird. 

Da wir ja aber nicht nur zum Arbeiten hier sind und Ghana angeblich auch eine ganze Reihe paradiesischer Strände zu bieten hat, war klar wohin es gehen soll: Ans Meer! Genauer, zur Green Turtle Lodge in der Nähe von Cape Three Points in der Western Region. Die Reiseführer versprechen einen magischen Ort und jeder Praktikant in Accra scheint sie zu kennen oder schon von ihr gehört zu haben. Also, nichts wie hin!

Die Fahrt dorthin entwickelte sich dabei aber zu einer ersten Prüfung für Geduld und Nerven. Die Fahrt sollte rein rechnerisch etwa fünf bis sechs Stunden dauern, mit dem Trotro zunächst nach Takoradi, der nächsten größeren Stadt. Von dort mit einmal umsteigen ebenfalls mit Trotros weiter bis kurz vor Akwidaa, dem nächsten Fischerdorf nahe der Green Turtle Lodge. Daher sollte es spätestens um 12 Uhr aus Accra losgehen um möglichst noch vor Einbruch der Dunkelheit anzukommen. Soweit der Plan.

Nun, es wurde dann ein wenig später, weshalb wir uns entschieden den Reisebus zu nehmen. Vielleicht ist der ja ein wenig schneller und zuverlässiger als das Trotro. Soweit der naive Gedanke. Als wir um kurz nach ein Uhr am Busbahnhof ankamen, hieße es, der nächste Bus würde um 2.30 Uhr fahren. Nun, nicht ideal, aber immer noch besser als jetzt noch einmal ein Taxi zur Trotro-Station zu nehmen und dann nicht zu wissen, wann das Trotro losfährt.

'Unsere' Hütte
Es wurde 2.30 Uhr, es wurde 3.30 Uhr… kein Bus. „When is it leaving?“ – „Anytime soon“. Aha. ‚Anytime soon’ hieß letzten Endes 16.15 Uhr, die Fahrt begann damit mitten im Berufverkehr. Zusammen mit all den Vorortbewohnern schob sich also unser Reisebus im Stop-and-Go-Verkehr langsam aus der Hauptstadt und es wurde langsam klar, dass der meist recht flüssige Verkehr auf der Ring Road doch eher die Ausnahme darstellen muss.

Mit Einbruch der Dämmerung hatten wir dann endlich Accra hinter uns gelassen. Es wurde dunkel und die Landschaft zog nur noch in Schatten an uns vorbei. Die Leselampen gingen nicht, es blieben damit nur Seifenopern aus nigerianischer Produktion als Ablenkung, die in ohrenbetäubender Lautstärke auf dem Bord-Fernseher liefen.

Fünf Stunden lang, denn dank des Berufverkehrs in Accra waren die eigentlich angesetzten vier Stunden Fahrtzeit nicht mehr zu halten. Dabei tickte die Uhr, wir mussten schließlich noch weiter. Immer wieder der bange Blick auf die Zeit. Immer wieder der Versuch herauszufinden, wo wir uns gerade befinden. Die Frage, wie lange es wohl noch dauern würde, stellten wir schon gar nicht mehr.

Fischerboote in Akwidaa
Um halb 10 waren wir endlich in Takoradi. Tolle Sache. Dunkel war es schon lange, nun waren wir auch noch in einer unbekannten Stadt, die seit Beginn des Ölbooms allerlei ehrliche wie unehrliche Leute in Scharen anzieht. Zu einer Uhrzeit, zu der kein Trotro mehr irgendwohin fährt. Taxis zum Glück allerdings schon noch, wenn auch zu einem ganz ordentlichen Preis. Doch was half es, wir mussten und wollten weiter und hatten es eilig. Der Taxifahrer offenbar auch, er legte jedenfalls eine sehr sportliche Fahrweise an den Tag. ‚Zum Glück kennt er die Straße ja wie seine Westentasche’ war ein wiederkehrender Gedanke.

Nach einer halben Stunde konnte aber auch unser Taxifahrer nicht mehr schnell, dafür war nun die Straße wirklich viel zu schlecht geworden. Auf einer unbefestigten und vom Regen zerklüfteten Schotterpiste ging es noch eine weitere halbe Stunde durch die Nacht, teilweise im Schritttempo, bis wir um kurz nach 11 Uhr endlich angelangten.

Unendliche Erleichterung machte sich breit, als wir schließlich unsere Hütte betraten: Geräumig, und wunderschön eingerichtet. Ein Himmelbett aus Bambus, eigene Dusche und Toilette, alles mit Liebe zum Detail gestaltet. Die Strapazen hatten sich gelohnt. Das Bild setzte sich am nächsten Tag bei Licht fort: Hübsche kleine Rundhütten unter Palmen, ein altes Fischerboot als Bar und ein Traumstrand direkt vor der Türe. In den nächsten Tagen verlor die Zeit zunehmen an Bedeutung, wir verbrachten die Zeit mit Lesen, Baden und leckerem Essen.

Und das alles auch noch mit recht gutem Gewissen: Die Green Turtle Lodge hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Soweit irgend möglich sind alle Gebäude aus lokalen Materialien von lokalen Arbeitskräften errichtet worden. Der Strom stammt aus Solarpanelen, die Toiletten sind selbst-kompostierend.

In der Küche wird der frische Fang aus dem nahegelegenen Fischerdorf zubereitet, was ungefähr so aussieht: Ein kleines Kanu hält kurz vor der Brandung, der Fischer springt ins Wasser und taucht wie Poseidon aus der Brandung wieder auf. Er trägt einen riesigen Fisch an den Kiemen in die Küche. Nach kurzer Zeit kommt er wieder zurück, springt in die Wellen, klettert zurück in sein Kanu (das in der Zwischenzeit wundersamer Weise keinen Zentimeter abgetrieben wurde) und paddelte wieder von dannen. Auch sonst kommen so viele Zutaten wie möglich aus der Umgebung, etwa Obst und Gemüse.

Nachbardorf 'Cape Three Points'.
Ein Teil der Einnahmen aus der Lodge geht in einen Schul-Fond zu Gunsten des Dorfes und in den Schutz der am Strand nistenden Meeresschildkröten. Gleichzeitig sind zahlreiche Arbeitsplätze entstanden, durch die Lodge selbst und durch die angebotenen Touren. Insgesamt arbeiten etwa 30 Leute für die Lodge, was deutlich mehr zu sein scheint als wohl eigentlich nötig wäre.

Doch auch wenn die Green Turtle Lodge wie aus dem Paradies zu sein scheint: Die Realität bleibt immer in greifbarer Nähe. Nicht nur in Accra, auch in dieser ländlichen Gegen gibt es eindeutig ein Müllproblem. Verlässt man den Strandbereich direkt vor der Lodge, der regelmäßig gereinigt wird, ist auch hier alles mit Plastikmüll übersäht. In den Mangroven der nahegelegenen Lagune wiegen sich Plastiktüten in der leichten Strömung.

Die Menschen in Akwidaa leben Großteils in Lehmhütten die nur etwas über dem Meeresspiegel liegen und die so aussehen, als hätten sie einem wirklich starken Regen oder einer Sturmflut nicht viel entgegen zu setzen. Wenn man durch die verwinkelten Gassen streift, erntet man durchaus den einen oder anderen misstrauischen Blick, man fühlt sich irgendwie fehl am Platz.

Nur die Kinder sind äußerst kontaktfreudig. Auch wenn manche tatsächlich nur neugierig sind, so steigert man die eigene Attraktivität doch ungemein, wenn man den Fehler begeht eine Wasserflasche aus Plastik offen mit sich herum zu tragen. Manche wollen einem auch eine Kokosnuss verkaufen, andere fragen aber auch direkt nach einem Cedi, ohne eine Gegenleistung anzubieten.

Unweit des Strandes am Ortsausgang befindet sich die örtliche Müllkippe. Die Plastikdichte steigt in diesem Bereich des Strandes rapide an, der auch als öffentliche Bedürfnisanstalt dient, da so etwas wie Kanalisation oder sanitäre Anlagen nicht existiert. Gleichzeitig ist der Strand aber auch Spielplatz. Am letzten Nachmittag sitzen wir in einer kleinen Bar, am Strand kicken einige Kinder. Es gesellt sich ein Brite zu uns. Als er die fußballspielenden Kinder sieht, kommentiert er, dass die Kinder hier ja eigentlich ganz gesund aufwachsen würden. Von Ironie ist in seiner Stimme dabei aber nicht viel zu bemerken.



Montag, 2. Mai 2011

Schwimmen lernen

Hier beginnt langsam die Regenzeit. Das heißt nicht, dass es die ganze Zeit regnet, aber die Gewitter und Regenschauer häufen sich. Und wenn es regnet, dann tut es das sehr konsequent. Das Ergebnis könnt ihr in diesem kleinen Video begutachten:

Mein bisheriges Zimmer liegt im Souterrain. Das Wasser kam wohl durch einen Rückstau durch den Abfluss der Dusche. Das Gewitter begann so richtig etwa um 10 Uhr als ich ins Bett ging. Ich hatte zwar einen 13-Stunden-Tag hinter mir, konnte jedoch nicht schlafen, weil Donner und Regen für eine eindrucksvolle Geräuschkulisse sorgten. Als ich nach einer Stunde Durst bekam und aufstehen wollte um mir etwas Wasser zu holen, musste ich feststellen, dass bereits Wasser da war. Und zwar mehr als genug. Die Schäden hielten sich aber zum Glück in Grenzen, lediglich einen Reiseführer muss ich als Totalverlust abschreiben.
Da ich heute jedoch in 1. Stock umziehen werde, stehen die Chancen zudem ganz gut, dass sich das nicht mehr wiederholen wird.

Samstag, 23. April 2011

ÖPNV

Kwame Nkruma Circle
Wie funktioniert der Verkehr in einer Stadt mit knapp 3 Millionen Einwohnern, aber ohne U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn?  Da sich die überwiegende Mehrheit dieser knapp 3 Millionen kein Auto leisten kann (woran sich trotz positiver Wirtschaftsaussichten in absehbarer Zeit auch nichts ändern dürfte) funktioniert der Verkehr zunächst einmal überraschend gut! Staus sind auf meiner Hauptstrecke, der Ringroad zwischen Kwame Nkruma Circle und Danquah Circle, von überschaubarer Größe. Die Ausfallstrecken in die Vororte (dort, wo die Leute wohnen, die sich ein Auto leisten können) sind jedoch zur Rush Hour regelmäßig verstopft.

Dreirädriges Trotro
Der große Rest, der nicht im eigenen Fahrzeug unterwegs ist (oder im Stau steht), nimmt das Trotro: Sie sind das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs. Es handelt sich dabei um Kleinbusse, meist fernöstlicher Marken, aber auch einige ältere Mercedes „Sprinter“. Sie verkehren auf festgelegten Routen, für die es jedoch nirgendwo einen Plan gibt. Die meisten der Trotros sind dabei in einem äußerst klapprigen Zustand. Gelegentlich findet sich aber auch ein gut erhaltener, alter Ford Transit darunter. Insgesamt gehen die Dinger aber wohl recht häufig kaputt: Ich konnte schon mehrmals beobachten wie Fahrgäste versuchten, ein Trotro wieder anzuschieben. Nicht immer mit Erfolg. Auch Reifenpannen sind nicht selten. Da sie so zahlreich sind, muss man aber auch in diesem Fall nicht lange auf das nächste warten. Da man dann allerdings erneut zahlen müsste, bleiben die meisten sitzen und hoffen, dass sich das Gefährt doch noch einmal überreden lässt.

Innen sind die Trotros so ausgebaut, dass fast jeder freie Quadratzentimeter als Sitzfläche geeignet ist. Dies hat zur Folge, dass alle davor Sitzenden aufstehen müssen, wenn der aus der hinteren linken Ecke aussteigen möchten, aber immerhin passen auf diese Weise etwa 12 bis 18 Leute in so ein Trotro. Allerdings auch nicht mehr, denn Trotros haben eine zutiefst „deutsche“ Eigenschaft: Es werden nur so viele Passagiere mitgenommen, wie Sitzplätze vorhanden sind. Ohne zu stapeln. Egal, wie viele warten. Punkt. Früher wurden Trotros wohl tatsächlich so voll beladen, wie es nur irgend ging. Eine „Trotro-Reform“ setzte dem Tetris-Prinzip jedoch ein Ende. Nun steht außen auf den Trotros über dem vorderen Radkasten klein die maximale Anzahl an Passagieren, die befördert werden darf. Und daran wird sich auch gehalten.

Weniger streng gesehen wird jedoch die Regel,  dass Trotros nur an den vorgesehenen Stationen halten dürfen. Manchmal ist durchaus möglich auch an einer Ampel (ja, die gibt es) einzusteigen. Seit ich jedoch weiß, dass das illegal ist und dazu führen kann, dass sowohl Fahrer als auch Passagier verhaftet werden, lass ich das lieber wieder bleiben.

Sehr großes Trotro mit stolzem Mate.
Dann doch lieber eine der regulären Haltstellen benutzen, auch wenn dort gerade im Berufsverkehr immer viele Leute warten. Eine typische Trorofahrt sieht etwa wie folgt aus: Das Trotro kommt angebraust, einige Wartende springen einen Schritt zurück um nicht überfahren zu werden. Aus dem Seitenfenster lehnt der „Mate“ (sowas wie der Schaffner) und ruft das Fahrtziel aus: „Särk-Särk-Särk(le)“ (für „Kwame Nkrumah Circle“) / „Labalabalabadi“ (für Labadi Beach). Grundsätzlich werden die Fahrtziele in einem solchen Tempo und für meine Ohren so undeutlich angesagt, dass ich außer den genannten beiden bisher nur wenige weitere eindeutig identifizieren konnte.

Zusätzlich wird das Fahrtziel noch per Handzeichen angezeigt, die jedoch nicht minder uneindeutig sind. Auch hier ist das Signal für den „Circle“ das einzige, das ich bislang mit Sicherheit erkennen konnte: Eine kreisende Handbewegung, meist mit ausgestrecktem Finger gen Boden. Aber auch das ist nicht ganz einheitlich geregelt, jeder Mate hat da seine eigene Interpretation.

Das anschließende Ein- und Aussteigen hat schnell zu erfolgen, schließlich hat es der Fahrer immer eilig, Zeit ist Geld. Wenn man als letzter einsteigt, kann man von Glück reden wenn man sich noch rechtzeitig hinsetzen kann bevor der Fahrer auf’s Gaspedal tritt.

Die Kommunikation ist im Trotro auf ein nötiges Minimum reduziert. Bisher habe ich selten beobachtet, dass sich Leute unterhalten. Ebenso sparsam ist die Kommunikation mit dem Mate. Fährt man bis zur Endhaltestelle, drückt man ihm einfach nur das Geld in die Hand. Will man vorher aussteigen, sagt man dazu noch das gewünschte Fahrtziel. Ohne „please“, oder ähnliche Schnörkel. Auch ganze Sätze sind vollkommen überflüssig. Will man den Mate daran erinnern, dass man raus möchte, ruft man ihm ein kurzes „Busstop“ zu.
Manchmal teilt der Mate dem Fahrer auch auf diese Weise mit, dass er doch bitte bei der nächsten Haltestelle anhalten solle. Dies ist jedoch nicht zu verallgemeinern, jedes Tandem aus Fahrer und Mate hat sein eigenes, ausgeklügeltes Signalsystem aus Pfiffen, Zischen oder Klopfen. Das bislang hochtechnologischste System hatte ein Trotro, in dem bauartbedingt die direkte akustische Kommunikation zwischen Mate und Fahrer erschwert war: In der hinteren Ecke, wo der Mate seinen Platz hatte, ragten zwei blanke Drähte aus der Innenverkleidung. Sobald der Mate diese beiden kurzschloss ertönte im Führerhaus ein Summen.

Trotros sind definitiv das günstigste Transportmittel. Für die Strecke zur Arbeit von etwa 3 Kilometern bezahle ich umgerechnet 12,5 Cent. Da die Preise festgelegt sind, muss man hier im Gegensatz zu Taxis auch nicht handeln. Es ist lediglich ratsam darauf zu achten, dass man nicht aus Versehen „for two?“ bezahlt, wenn man auf diese gelegentliche, dann aber bis zur Grenze des Verständlichen genuschelte Frage des Mates nur unverständnisvoll nickt.

Die nächste Stufe auf der Bedeutungsskala stellen Sammeltaxis dar. Auch diese verkehren auf festen Routen, sind äußerlich jedoch nicht von normalen Taxis zu unterscheiden und nicht ganz so zahlreich wie TroTros. Oder ich habe sie bislang nur zu häufig noch nicht als solche erkannt. Die Fahrt mit ihnen kostet etwa doppelt so viel wie die im Trotro.

Äußerst selten sind auf meiner Route richtige Busse der „Metro Mass Transit Ltd.“ Bislang hatte ich lediglich ein einziges Mal das Vergnügen in einem solchen mitfahren zu können. Die vorhandenen Busse werden anscheinend vor allem auf den Ausfallstrecken eingesetzt, weniger auf der Ring Road, dem „Mittleren Ring“ von Accra. Groß und sehr orange sind sie aber kaum zu übersehen. Eine Fahrt mit ihnen kostet noch etwas weniger als die im Trotro und man erhält sogar ein richtiges Ticket.

Die Champions League bilden schließlich brandneue Busse aus chinesischer Produktion, inklusive Klimaanlage, die Sitze noch in Plastikfolie verpackt. Diese sind mit umgerechnet 50 Cent für meine Standardstrecke vergleichsweise teuer.  Seit ich vor ein paar Wochen das bislang erste und letzte Mal damit fuhr, habe ich keinen mehr aus dieser Kategorie gesehen.

Für längere oder kompliziertere Strecken (-> fehlender Netzplan) ist das Taxi das Verkehrsmittel der Wahl, ebenso für Fahrten in der Nacht, da ab etwa 10 – 11 Uhr keine Trotros mehr verkehren. Taxameter fehlen, weshalb es essentiell ist zu handeln, ansonsten wird man gnadenlos abkassiert. Die meisten Strecken kosten 2-3 Euro innerhalb Accras. Trotzdem ist es als Obruni natürlich schwierig bis schlicht unmöglich auf den gleichen Preis wie ein Einheimischer zu kommen. Ist ein solcher gerade zur Stelle (-> David), ist es daher äußerst ratsam ihn die Verhandlungen führen zu lassen. 

Mittwoch, 13. April 2011

Mit David durch Jamestown



Jamestown ist einer der ältesten Stadtteile von Accra, hier stehen einige alte Gebäude im Kolonialstil. Sehenswürdigkeiten sind der Leuchtturm und Jamesfort, eine alte Burg der Briten aus den Hochzeiten des Sklavenhandels. Doch hat dieser Stadtteil so gar nichts mit den hübschen Kolonialstädten zu tun, die ich aus Mittelamerika kenne: Jamestown ist einer der ärmeren Stadtteile Accras und das sieht man. Zwar läuft das Viertel noch nicht unter dem Label Slum, immerhin sind die meisten Straßen asphaltiert, jedoch sind die Gebäude sehr heruntergekommen. Zwischen den alten Häusern breitet sich ein Gewirr von Wellblechhütten aus und die Menschen sehen zum Teil richtig ungesund aus. Der "Lonely Planet" schreibt, dass dort nur wenige Menschen eine Brille tragen würden und das nicht, weil sie alle so gute Augen hätten. An dieser Beobachtung ist durchaus etwas dran.

Wir werden von David herumgeführt. Er ist ein echter „Local“ und scheint jeden zweiten zu kennen. Einige sind wohl auch ältere Brüder oder sonstige Verwandte. Was genau er macht, ist aber nicht so ganz klar, er arbeitet wohl jedenfalls in einem Community Theatre als Volunteer. Der Rundgang führt uns zunächst zum Leuchtturm und wir wollen rauf. David schafft es irgendwie für uns den Schlüssel zu besorgen, offenbar kennt er auch das junge Mädchen, das den Schlüssel bringt. Normalerweise ist der Turm nicht zugänglich. Aus gutem Grund: Die letzten Leitersprossen fehlen, das Metallgeländer ist etwas bröckelig von der salzigen Luft.

Für David ist es eine Premiere: Obwohl er nur 200 Meter Luftlinie entfernt wohnt, war er noch nie oben. Da er Höhenangst hat, kostet es ihn auch sichtlich Überwindung, aber er hält sich wacker und es lohnt sich. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen ein Meer aus Wellblech. Die Grenzen der Stadt verschwimmen im Dunst / Smog. Im kleinen Fischerhafen liegen duzende Pirogen, auf einem Bolzplatz wird gekickt, am Strand lässt jemand etwas fliegen, was ein Drachen sein soll. Es könnte auch einfach etwas Plastikmüll sein, aber es fliegt tatsächlich. Wieder unten bekommen wir von der inzwischen erschienen Mutter des Mädchens doch noch die Rechnung präsentiert: sportliche 3 Cedis pro Nase (ca. 1,50 Euro). Zum Vergleich: Abends bekommt man dafür eine Taxifahrt von ca. 3-4 Kilometern.

Weiter geht es an dem bereits erwähnten Community Theatre vorbei, an dem regelmäßig Themen wie HIV/AIDS, Hygiene, Müll oder Bildung, die die Community betreffen, behandelt werden. In einer kleinen Hintergasse kicken einige Jungs mit einem selbstgebastelten Fußball. Eigentlich will ich sie beim Kicken fotografieren, was allerdings schief geht, da sie viel lieber cool posen, als ich sie um Erlaubnis frage.

Leider habe ich ansonsten (noch) nicht so viele Fotos von diesem Stadtviertel, weil ich mit dem Fotografieren noch recht zurückhaltend bin: Die Kinder posieren zwar bereitwillig und haben einen riesen Spaß dabei. Viele Erwachsene sind sich aber wohl sehr wohl ihrer Lebenssituation bewusst und sehen es nicht so gerne, wenn man fotografiert. Fragen soll aber wie so oft im Leben helfen, weshalb mit der Zeit noch einige Bilder nachkommen werden.

Wir setzen uns dann erst mal hin und trinken ein Bier im „Assembly Spot“. Direkt hinter uns verläuft der offene Abwasserkanal, in dem das „Wasser“ wohl schon länger nicht mehr abläuft. Zwischendrin kommt ein kleiner Junge vorbei, lässt die Hose runter und pinkelt rein. Wir holen uns an einem Straßenstand „Killey Willey“, frittierte Kochbananen mit Erdnüssen, eingewickelt in Zeitungspapier. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das Zeitungspapier als deutsche „Praktiker“-Werbung. 20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung.

Als es dunkel ist, ziehen wir weiter. Interessant: Auch nach Einbruch der Dunkelheit fühlt man sich nicht unsicher, was nicht nur daran liegt, dass wir einheimische Begleitung haben. Natürlich fällt man als Weißer in diesem Viertel aber deutlich mehr auf als in anderen. Gerade die Kinder gucken fasziniert, rufen einem „Obruni“ zu und freuen sich tierisch, wenn man ihnen winkt oder ein „How are you?“ zuruft. Im Gegensatz zu manchem anderen Stadtviertel wird jedoch nicht andauernd versucht einem irgendetwas zu verkaufen, was sehr angenehm ist.

Der Abend endet im „Jubilee Pool House“ bei einer Runde Billard und Lifemusik: Highlife, dessen Wurzeln wohl bis in die 20er Jahre zurück reichen und der wie eine afrikanische Melange aus Jazz und karibischen Rhytmen klingt. Ein langer Abend wird es aber nicht, da ich vor dem Ausflug bereits am Vormittag das erste Mal auf dem Markt Shoppen und anschließend Fußball-Bundesliga gucken war, mir das extrem schicke Einkaufszentrum von Accra angesehen habe und die Hitze immer noch ganz schön anstrengend ist. Zu allen diesen Sachen jedoch demnächst mehr, wenn auch vielleicht nicht unbedingt als nächstes.