Donnerstag, 15. September 2011

Ghana vs. Kenia


Nairobi's Central Business District
Ein Spruch besagt, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat. Das ist zwar etwas arg überspitzt, hat jedoch einen wahren Kern. Gemeint ist, dass die Aussagekraft von Statistiken oft begrenzt ist und immer davon abhängt, wie und zu welchem Zweck sie interpretiert werden. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich zwischen Ghana und Kenia.

Zunächst die „harten“, technischen Fakten: Laut Weltbank verdienen die Menschen in Ghana im Schnitt 1240 US-Dollar im Jahr, in Kenia hingegen nur 780 Dollar. Da es sich um einen Durchschnittswert handelt, gibt es natürlich immer einige, die deutlich mehr und andere, die deutlich weniger verdienen. Was die Ungleichverteilung der Einkommen angeht, so schenken sich die beiden Länder jedoch nicht viel. Ghana ist minimal egalitärer als Kenia, in beiden Ländern gibt es jedoch deutliche Diskrepanzen zwischen denen oben und denen ganz unten. Wobei die ganz unten in Kenia deutlich zahlreicher sind: 45,9% der Bevölkerung müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen. In Ghana sind es hingegen „nur“ 29%. Diese Zahlen ergeben ein Bild, nachdem Ghana das deutlich wohlhabendere und weiter „entwickeltere“ der beiden Länder sein müsste. Soweit die Theorie.

Die gefühlte Realität ist jedoch eine andere. In Ghana ist der Straßenverkehr von klapprigen Gebrauchtwägen aus Europa geprägt. Taxen und Minibusse sind für einen Großteil des täglichen Verkehrsstaus verantwortlich. Private Autos sind entweder alte Rostlauben oder werden von Ausländern gefahren. Ghanaer mit neuen Autos sind eindeutig in der Minderheit. Die meisten Abwasserkanäle sind offen und Läden bestehen häufig nur aus Bretter- und Wellblechbuden. An jeder Kreuzung versuchen Heerscharen von Straßenhändlern alle möglichen nützlichen und unnützen Dinge zu verkaufen; Märkte sind riesige und unübersichtliche Labyrinthe. Supermärkte hingegen sind praktisch nur in der Hauptstadt Accra zu finden und werden nur von (weißen) Ausländern sowie reichen Einheimischen genutzt, die im dicken SUV vorfahren. 

Uhuru-Park in Mombasa.
Kenia präsentiert sich hingegen bislang ganz anders, westlicher, „europäischer“: Von der zweitgrößten Stadt Mombasa über die Hauptstadt Nairobi bis in die kleine Provinzstadt Kericho: Kaum Straßenstände, dafür Cafés, Restaurants und „richtige“ Länden mit Schaufenstern und festen Preisen. Lebensmittel und alle anderen Dinge werden eher in den Filialen großer Supermarkt-Ketten wie „Tuskys“ oder „Nakumatt“ gekauft, die Märkte – etwa der in Mombasa - wirken fast kümmerlich klein. Das Warenangebot der Supermärkte ist riesig und ähnelt eher einem Kaufhaus: Neben Nahrungsmitteln gibt es alles von Geschirr über Kleidung bis Elektronik, drei Etagen sind Standard. An den Kassen stehen sich reihenweise Einheimische in langen Schlangen die Beine in den Bauch: Dort einzukaufen ist offensichtlich keineswegs nur ein Privileg der oberen Zehntausend. In jeder Stadt scheint es zudem mindestens eine Filiale der Schuhladen-Kette „Bata“ zu geben. 

Auf den Straßen sind viele neue private Autos unterwegs, aber deutliche weniger Taxis als in Ghana. Die sind zudem meist in einem deutlich besseren Zustand. Zumindest in den beiden großen Städten Nairobi und Mombasa sind Abwasserkanäle in vielen Fällen verdeckt, in den kleineren Städten zumindest noch teilweise. In Ghana war das nicht einmal in der Hauptstadt der Fall. Es gibt häufig richtige Gehwege, in Nairobi gar fast so etwas wie eine kleine Fußgängerzone. Überhaupt Nairobi: Steht man im Central Business District, kann man kaum glauben, dass man sich tatsächlich in einem Entwicklungsland befindet: Wolkenkratzer dominieren die Skyline. Zu ihren Füßen erstreckt sich der große und gut gepflegte Central Park. Dass Nairobi auch eine bitter arme Seite hat, erahnt man hier nur kurz, wenn man mit dem Zug durch die Slums fährt, deren Wellblechbuden bis auf wenige Zentimeter an die Gleise heran gebaut sind.

Auch die Tourismusindustrie ist entwickelter und trägt entscheidend zum Einkommen des Landes bei. Gerade an der Küste sind manche Ort wie Watamu und Malindi so touristisch und „europäisch“, dass man sich eher in einem Badeort in Italien fühlt, schicke (und teure) Beachresorts inklusive. Wahrscheinlich gibt es in diesem Abschnitt der kenianischen Küste sogar mehr Italiener als an der Adria: Kinder grüßen einen mit „Ciao“ und manche Einheimische sprechen zwar fließend Italienisch, aber kein Englisch mehr. Das hat einen veritablen Kulturschock zur Folge, eigentlich wollte man doch gar nicht nach Rom oder Rimini. Eine gute Seite haben die vielen Italiener aber doch: Es gibt gutes Eis und anständigen Kaffee.

Nicht nur Touristen leiden unter den Safariverkäufern.
In Nairobi regieren die „Safari-Touts“ die Straßen der Innenstadt, zwielichtige Gestalten die auch schon mal zwei unabhängig reisende Backpacker durch die halbe Stadt verfolgen, nur um ihnen eines der berüchtigten Drei-Tage-Masai-Mara-Safari-alles-inklusive-hakuna-matata-Pakete zu verkaufen (Nachdem wir auch nach einem halben Tag immer noch nicht auf diese tollen Angebote eingehen wollten, wurden wir schließlich als Rassisten beschimpft und es wurde uns empfohlen doch wieder nach Hause zu fliegen, wenn wir kein Geld haben um in Kenia Urlaub zu machen). Diese Klientel lebt von Provisionen, die sie von den zahlreichen Reisebüros bekommen, wenn sie erfolgreich einen willigen Touristen anschleppen. Ähnliches wäre in Ghana eher nicht passiert, die Reisebüros dort bieten in erster Linie Flüge an. Organisierte Touren sind ein Nischensegment oder werden bereits vor dem Abflug aus Europa gebucht.

Eines der wichtigsten Exportgüter Kenias: Tee.
Doch auch auf dem Land machen sich Unterschiede bemerkbar: Landwirtschaft scheint systematischer betrieben zu werden, Felder sind größer und rechteckiger. Während Ghana aus dem Flugzeug betrachtet größtenteils als eher unstrukturierte, grüne Fläche erscheint, ähnelt Kenia an einigen Stellen aus der Luft verblüffend dem aus Europa bekannten „Flickenteppich“. Insbesondere das westliche Hochland ist dicht besiedelt und kultiviert. In der zentralen Bergregion wird intensiv Tee angebaut: Kenia ist nach Indien und Sri Lanka der drittgrößte Teeproduzent der Welt und die Blätter sorgen für gut 30 % der Export-Einnahmen. Daneben werden aber auch Mais, Kartoffeln und Getreide auf großen Feldern kultiviert. In vielen Orten gibt es Händler für Saatgut und Dünger. Immer wieder sieht man auch Landwirtschaftsmaschinen wie Traktoren oder Mähdrescher, was in Ghana eher selten der Fall war.

Gleichzeitig war noch vor wenigen Wochen von Dürre und Hungersnot im Norden des Landes zu lesen. Eine Reise durch den südlichen Teil des Landes – so wie die unsere - macht einem klar, dass es sich dabei weniger um eine Naturkatastrophe handeln muss, als vielmehr um ein politisches Problem. Vor dem Hintergrund der gläsernen Wolkenkratzer Nairobis und der grünen und fruchtbaren Äcker im Rift Valley und in den Hügeln zwischen der Hauptstadt und dem Viktoria-See erscheint die Tatsache, dass es Kenia dennoch nicht schafft auch in schwierigeren Jahren alle seine Bürger zu versorgen, geradezu zynisch. So ist die Statistik am Ende zwar möglicherweise nicht direkt falsch, sie erzählt aber nur einen Teil der Geschichte.

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