Montag, 18. Juli 2011

Die Polizei, dein Freund und Helfer?

Dieses Schild vor dem Supreme Court würde sich auch vor dem Hauptquartier der Polizei gut machen.
Die ghanaische Polizei hat nicht gerade den besten Ruf, sie gilt als willkürlich und korrupt. So schlecht ist der Ruf, dass manche Geberorganisationen schon Programme zur Stärkung der Bürgerfreundlichkeit der Polizei planen. Am schlechtesten dürfte der Ruf der Polizei jedoch bei einer Gruppe sein, die von Berufs wegen häufiger mit ihr zu tun hat: Das sind die Taxifahrer. Denn gerade Verkehrspolizisten sind – zumindest in Accra - sehr zahlreich. Begegnungen sind daher unausweichlich.

Zunächst zum Thema Willkür: Vor ein paar Tagen hatten wir das Vergnügen einer unvergesslichen Taxifahrt, mit einem Taxifahrer der ganz besonders schlecht auf die Freunde und Helfer zu sprechen sein muss: Wir winken einem Taxi, es hält am Straßenrand kurz vor der Auffahrt auf eine der Hauptverkehrsadern Accras. Es ist Rush Hour, der Verkehr stockt an dieser Stelle eh schon ein wenig. Es sollte also kein Problem sein an dieser Stelle einzusteigen. Hinter dem Taxi steht jedoch ein Polizeiauto.

Als der Taxifahrer sich anschickt uns einsteigen zu lassen und dies einen Augenblick zu lange dauert, wird umgehend wütend gehupt. Wir hüpfen schnell in das Taxi, der Verkehr setz sich langsam wieder in Bewegung, das Polizeiauto zieht neben uns. Zwischen dem Taxifahrer und den Polizisten entspinnt sich während der Fahrt und durch die geöffneten Fenster ein hitziger Wortwechsel auf Twi, den wir nicht verstehen. Es klingt, als würde der Taxifahrer versuchen die Polizisten zu beschwichtigen.

Offenbar sind die Uniformierten wenig beeindruckt: Die Polizisten überholen und versuchen unserem Taxifahrer den Weg abzuschneiden um ihn zum anhalten zu bewegen. Er wird langsamer, rollt in Richtung Straßenrand. Die Diskussion dauert an, der Erfolg seiner Beschwichtigungsversuche hält sich aber weiter in Grenzen, denn die Polizisten steigen aus, die Kalaschnikow in der Hand.

In dem Moment gibt der Fahrer Gas. Mit leichter Schräglage geht es um die nächste Biegung. Die Polizisten können uns jedoch eh nicht so leicht folgen, sie waren an der Abzweigung, über die wir verschwinden, ein kleines Stückchen vorbeigefahren, bevor sie angehalten hatten. „I’m running away from the scene“ ruft er uns über die Schulter zu und drückt das Pedal bis zum Blech durch. Unter waghalsigen Überholmanövern und in wildem Zickzack-Kurs geht es durch die Straßen, auch wenn weiterhin weit und breit kein Polizist zu sehen ist.

Unterm fahren erklärt uns unser Fluchtwagenfahrer, dass er jetzt leider einen kleinen Umweg fahren muss, weil die Polizisten bestimmt an der nächsten Kreuzung auf ihn warten. Ich frage ihn, was denn nun eigentlich das Problem war, ob er an dieser Stelle nicht hätte anhalten dürfen. Nein, nein, meint er, er habe den Polizisten nur nicht schnell genug auf das Gehupe reagiert. Wenn er jedoch angehalten hätte, wäre einer der Polizisten eingestiegen. Während sie für uns ein anderes Taxi geholt hätten, wäre er gezwungen worden auf die Wache zu fahren und da wäre er so schnell nicht wieder raus gekommen. Und vor allem wohl nicht ohne ein angemessenes Schmiergeld, womit wir bei der Korruption wären.

Laut dem Geschäftsführer von „Ghana Integrity Initiative“, der örtlichen Filiale der Anti-Korruptionsorganisation „Transparency International“, ist Korruption ein weit verbreitetes Übel unter ghanaischen Staatsdienern. Und unter diesen ist die Polizei besonders berüchtigt. Wird man festgenommen – etwa auf Grund einer kleinen Kneipenschlägerei wie der Freund einer Bekannten – können am nächsten Morgen schnell einmal 40 Cedi als „Dankeschön“ fällig werden, um wieder auf freien Fuß zu kommen. Auch läuft kaum eine Straßensperre ohne Schmiergeldzahlungen über die Bühne. Und bei der ghanaische Polizei sind Straßensperren sehr beliebt, besonders nachts.

Das Auto kann dann noch so gut in Schuss sein (was in Ghana selten der Fall sein dürfte), alle Papiere können in Ordnung sein (geschätzte 80% der ghanaischen Autofahrer dürften aber wohl noch nie in einem Fahrschulauto gesessen haben), dennoch kann es passieren dass man zahlen muss um weiterfahren zu dürfen. Für den Mann von Transparency grenzt das an Erpressung, Taxifahrer bezeichnen das Verhalten der Polizei im Allgemeinen schlicht und einfach als Diebstahl: „They are thiefs!“

Die Bestechlichkeit vieler Polizisten hatte früher wohl tatsächlich auch mit der sehr schlechte Bezahlung und den Lebensbedingungen der Beamten zu tun: Sie wohnten in Baracken auf engstem Raum, ein Polizist hatte für sich und seine ganze Familie oftmals nicht mehr als ein Zimmer zur Verfügung. Viele Menschen sahen es ihnen deswegen wohl auch nach, dass sie sich noch etwas dazuverdienten, wenn sich die Gelegenheit bot.

Inzwischen hat sich die Bezahlung der Polizisten jedoch verbessert. Diese Ausrede zieht also nicht mehr so recht. Doch mittlerweile ist die Korruption so tief verwurzelt, dass es keinen einfachen Ausweg mehr gibt. Sie ist Teil des Alltags. Die gezahlten Summen sind gerade im Straßenverkehr meist nicht groß, oft handelt es sich nur um ein, zwei Cedi. Die schmerzen bei einer Fahrt, für die ein Taxifahrer drei, vier oder fünf Cedi bekommt zwar, sind jedoch wohl nicht existenz-gefährdend, so dass der große Aufstand ausbleibt. Denn irgendwie ist es ja auch von Vorteil ein gutes Verhältnis zu den Jungs von der Straßensperre zu haben. Also wird weitergezahlt und nur ein wenig geschimpft.

Unser Taxifahrer brachte uns übrigens schließlich auf verschlungenen Pfaden nach Hause ohne dass unsere vermeintlichen Verfolger auch nur einmal im Rückspiegel aufgetaucht wären. Die Fahrt dauerte zwar etwa dreimal so lange wie unter normalen Bedingungen. Bezieht man jedoch den Erlebniswert mit ein, so war das Preis-Leistungs-Verhältnis dennoch unschlagbar.


P.S: Natürlich sind nicht alle ghanaischen Polizisten korrupt. Auch passiert wohl die Mehrheit der Autofahrer Straßensperren ohne Probleme. Gerade aber professionelle Autofahrer, also Taxifahrer oder Trotro-Fahrer, dürften jedoch häufiger zur Kasse gebeten werden, schließlich sind sie viel unterwegs und davon abhängig zügig weiterfahren zu können. Ich wurde als Fahrgast sowohl im Trotro als auch im Taxi schon mehrmals Zeuge, wie bei solchen Gelegenheiten ein, zwei Cedi mehr oder weniger auffällig den Besitzer wechselten.

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